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Zwischen Genie und Wahnsinn

Kunst: Psychische Gesundheit und künstlerische Kreativität

Fachartikel von Anka - aktualisiert am 31.07.2021 - 17:26

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Wenn es um die Bewertung von Kunst geht, scheiden sich bekanntlich die Geister. Gilt das auch für die Bewertung der kreativen Köpfe, die hinter Kunst stecken? Schließlich sind Künstler doch meistens verrückt und auf ihre Art ein Stereotyp an Extravaganz. Wenn man wissen will, ob es einen Zusammenhang zwischen "Verrückt" und "Kunst" gibt, muss man diese Begrifflichkeiten erst einmal genauer eingrenzen. Schauen wir uns an, was die Wissenschaft zu dem Thema sagt.

Bei Teslatex ist alles erlaubt, was kreativ ist. Sind wir deswegen verrückt? Schreib' deine Meinung in die Kommentare und teile deine Erfahrungen mit uns.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Kreativität und Verrücktheit oder sogar Wahnsinn? Diese Annahme kann gerade für Jugendliche und junge Erwachsene schnell zum Stigma werden, wenn sich Vorurteile und Fehlschlüsse im Schulalltag etablieren [1]. Dabei beschäftigen sich die Menschen bereits seit Platon und Aristoteles mit dieser Frage und beflügeln seither die Fantasie [2]. Verrückt, oder?


Gleich vorweg: Sogar die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind sich nicht einig. Daher können wir die Frage auch in unserem vorliegenden Artikel nicht abschließend klären. Trotzdem wirken die Themen Wahrnehmung und Psyche faszinierend. Vor allem, wenn sie etwas mit Kunst und Kreativität zu tun haben. Strukturieren wir diese Objekte zunächst.

 

Manche denken beispielsweise bei PopArt an Jugend-Bewegungen und Mode-Erscheinungen. So scheint es sich von Generation zu Generation zu wiederholen, dass Eltern den ästhetischen Geschmack in Hinblick auf Vorlieben (bspw. Musik, Kleidungsstil) ihrer Sprösslinge nicht recht einzuordnen wissen. Dabei scheint es der Jugend darum zu gehen, sich "immer irgendwie revolutionär, alternativ [3]" ihren eigenen Weg zu suchen. Sie "lehnt sich gegen die Alten auf, will alles anders machen und so weiter [3]".

 

Doch die "Jugend frischt die Alten durch Moden gehörig auf — womit die Verbindung zwischen beiden hergestellt ist [3]". Somit scheint es sich fast um einen zwingend notwendigen Entwicklungsprozess zu handeln. Das deckt sich mit der Sichtweise von Kunst und Kreativität als Schöpfungsprozess. Schließlich muss etwas Neues entstehen - und was neu ist, empfinden wir gegebenenfalls als verrückt!

Hier arbeiten nur Verrückte!

Kreativität im Beruf

"Kreativität ist im beruflichen Zusammenhang eine sehr wichtige Ressource [4]". Das sagen zumindest Gesundheitswissenschaftler im betrieblichen Kontext. Diese Fähigkeit ist die Basis, um Innovationen zu erschaffen und voranzutreiben. Somit ist sie für das Überleben eines Unternehmens von großer Bedeutung. Mitarbeitende können in fast jedem Bereich ein gesundes Maß Kreativität gebrauchen.

 

Um moderne Lösungen zu finden, die sich beispielsweise in der Digitalisierung anwenden lassen, braucht es die Verknüpfung von technologischer Expertise mit Kreativität [5]. Außerdem kann Kreativität auch als gesundheitlicher Schutzfaktor am Arbeitsplatz dienen [6]. Demnach muss Kreativität bestimmt nicht zwingend auch mit Verrücktheit zusammenhängen!

Wie lässt sich "Kreativität" Definieren?

Jeder Mensch verfügt von Natur aus über ein gewisses Maß an Kreativität [7]. Sie ist ein fundamentaler Baustein für Wettbewerbsfähigkeit. Doch was ist sie genau? Das Dorsch Lexikon der Psychologie bezeichnet sie als psychologisches Konstrukt, wobei "Neuheit" bzw. "Originalität" als wichtige Kriterien zur Definition gelten [8]. Was uns in diesem Zusammenhang interessiert, ist die Struktur der kreativen Persönlichkeit.

 

Dieser Begriff hat große historische Bedeutung und steht mit vielen verschiedenen Phänomenen in Verbindung. Was das genau ist, lässt sich daher nicht so einfach sagen. Um Kreativität zu definieren, existieren in der psychologischen und sozialwissenschaftlichen Forschung daher zahlreiche Modelle, die sich mitunter stark unterscheiden. Man konnte aber herausfinden, dass beim Ausleben von Kreativität das soziale Zusammenleben und die eigene Motivation sowie Selbstverwirklichung eine Rolle spielen [9].


Kreativität braucht man in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens.

Sie ist die Voraussetzung für Kunst, aber sie ist selbst etwas anderes.


In den 60er Jahren gab es Untersuchungen, die die Vermutung nahelegten, dass Kreativität einen Zusammenhang mit Angststörungen und gewissen Persönlichkeitseigenschaften wie Ich-Stärke aufweist [8]. Da das Phänomen aber eine Verbindung zu zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen aufweist, kann davon ausgegangen werden, dass sich diese Erkenntnisse nicht mehr auf die heutige Zeit übertragen lassen.

 

Vielleicht basieren die Vorurteile zum Thema "Genie und Wahnsinn" auf diesen und ähnlichen Studienergebnissen der damaligen Zeit. Schließlich nahm in der Nachkriegszeit die sozialpsychologische Forschung im Zuge des Kalten Krieges stark an Fahrt auf. Doch anders als beispielsweise Biologie oder Naturwissenschaften unterliegen derartige Erkenntnisse keiner Gesetzmäßigkeit, sondern bilden nur einen kleinen Ausschnitt in der jeweiligen Epoche ab.

Wann ist man "Verrückt"?

Die Bezeichnung als "verrückt" ist meistens abwertend gemeint. Es bezeichnet in der Umgangssprache so viel wie "geisteskrank" oder "wahnsinnig" und wird somit zusammenführend für alles verwendet, das "nicht normal" ist [10]. Eine wissenschaftlich korrekte Formulierung ist das also nicht. Forscherinnen und Forscher operationalisieren den Begriff daher zum Beispiel mit psychiatrischen Diagnosen und geben so vor, wie Zusammenhänge untersucht werden.

 

Deswegen bekommt man auch unterschiedliche Ergebnisse, je nach Thema, nach dem man sucht. Es gibt Erkenntnisse, dass Kreativität die Gesundheit schützen kann. Ebenso finden sich hin und wieder Zusammenhänge oder Häufungen mit bestimmten Syndromen oder Krankheitsbildern. Abschließend lässt sich die Frage also niemals klären, was denn nun ganz objektiv betrachtet verrückt ist.

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Man kann sich nun dennoch daran wagen, die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema "psychische Krankheit" bzw. "psychische Gesundheit" und ihr Zusammenhang zum Phänomen "Kreativität" zusammenzutragen. Dabei sind so manche überraschende Fakten zum Vorschein getreten. Jedoch sollte angemerkt werden: Die Studien sind nur in den seltensten Fällen repräsentativ und widmen sich der Untersuchung nur in einem ganz spezifischen Kontext wie zum Beispiel Arbeit und Berufswahl.

Studienlage

Psychische Erkrankungen und Kreative Berufe

Verrücktheit muss nicht gleichbedeutend mit einer psychischen Störung sein. Will man die Leitfrage aber auf diese Variable herunterbrechen, fördert die sozialwissenschaftliche Forschung spannende Fakten. Dabei sei nachfolgend auf den Unterschied zwischen Kausalität und Korrelation verwiesen. Sehen wir uns zunächst Berufe an, die unbedingt kreative Eigenschaften benötigen, und welche Zusammenhänge zu bestimmten Krankheitsbildern bestehen:

 

  • Kreativberufe allgemein: Personen mit bipolarer Störung sowie Geschwister von Personen mit bipolarer Störung oder Schizophrenie [11]
  • Buchautoren: häufig gesunde Angehörige von Schizophrenen und affektiv Erkrankten [12]
  • Hohe & niedrige Führungspositionen: Männer mit bipolarer Störung [13]
  • Sehr hohe Führungspositionen: Brüder von Männern mit bipolarer Störung [13]

Personen mit einer psychischen Störung ergreifen aber nicht unbedingt häufiger kreative Berufe (in den Bereichen Wissenschaft und Kunst) als gesunde Personen [13]. Es scheint vielmehr so zu sein, dass Angehörige von Menschen mit psychischen Störungen zu kreativen Berufen neigen [14]. Können wir also davon ausgehen, dass Kreative nicht selbst verrückt sind, sondern vielmehr einfach umfangreiche Erfahrungen mit "Verrückten" haben? Das bleibt wohl noch Aufgabe der Wissenschaft.


"Sowohl kreative als auch kriminelle Menschen weisen (...) Merkmale und Motiv- und Gefühlslagen auf, wovon einige (...) als bewundernswert beachtet werden, andere hingegen als übel."(Cropley & Cropley, 2019 [15])


Außerdem darf nicht vergessen werden, dass Kreativität bzw. kreatives Arbeiten auch eine Art Bewältigungsstrategie bei psychischen Belastungen darstellen kann [16]. So können mit Hilfe gezielter Schreibübungen Stressbewältigung und Burn-out-Prophylaxe betrieben werden. Ein interessanter Hintergrund für unsere Autoren

Psychische Gesundheit und Kreativität weisen eine spannende Wechselwirkung auf. Kreativität kann gesundheitsförderlich wirken, aber auch in Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen untersucht werden. Spannenderweise landen häufig nicht psychisch Kranke selbst, sondern deren Angehörige in kreativen Berufen. Ob das was zu bedeuten hat? Wer weiß. Solche Forschungsfragen gilt es weiterhin zu untersuchen.

Credits:

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Literaturangaben:

[*1] Haager, J.S. (2019). Kreative sind verrückt! Oder?. In: Haager J., Baudson T. (eds) Kreativität in der Schule - finden, fördern, leben. Psychologie in Bildung und Erziehung: Vom Wissen zum Handeln. Springer, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-22970-2_7

[*2] Hofmann, F.-H. (2010). Kreativität und Krise : Zum Zusammenhang von psychischer Beeinträchtigung und Kreativitt. Dissertation. J. Funke, Fakultät für Verhaltens- und Empirische Kulturwissenschaften, Universität Heidelberg. https://doi.org/10.11588/heidok.00011562

[*3] Dollase, R. (1988). „Von ganz natürlich bis schön verrückt“ — Zur Psychologie der Jugendmode. In: Jugend und Mode. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-663-10437-7_3

[*4] Garda, I. (2014). Kreativität aus der Perspektive der Betrieblichen Gesundheitsförderung. In: Hahnzog, S. (eds) Betriebliche Gesundheitsförderung. Springer Gabler, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-02962-3_24

[*5] Buchinger, K. (2019). Kreativität trifft Technologie. In: Schäfer, K.H. (eds) Forschen an der HS Kaiserslautern. Hochschule Kaiserslautern, Kaiserslautern. https://www.hs-kl.de/fileadmin/forschung/unser-service/forschungsberichte/Forschungsbericht_2018_HS_KL.pdf#page=27

[*6] Herbig, B., Glaser, J. & Gunkel, J. (2008). Kreativität und Gesundheit im Arbeitsprozess. Bedingungen für eine kreativitätsförderliche Arbeitsgestaltung im Wirtschaftsleben. 1. Auflage. Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 2008. https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Berichte/F1961.pdf?__blob=publicationFile&v=4

[*7] Bullinger, H.J. (1996). Methoden und Techniken zur Förderung von Kreativität und Innovation. In: Erfolgsfaktor Mitarbeiter. Technologiemanagement — Wettbewerbsfähige Technologieentwicklung und Arbeitsgestaltung. Vieweg+Teubner Verlag, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-322-99186-7_9

[*8] Groeben, N. (2019). Stichwort: Kreativität. In: Dorsch Lexikon der Psychologie. Online-Ressource. Zugriff am 15.07.2021. Verfügbar unter https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/kreativitaet

[*9] Vogt, T. (2010). Sozialpsychologie der Kreativität. In: Kalkulierte Kreativität. VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-92340-6_7

[*10] Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache (20XX). Stichwort: verrückt. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Online-Ressource. Zugriff am 15.07.2021. Verfügbar unter https://www.dwds.de/wb/verr%C3%BCckt

[*11] Kyaga, S., Lichtenstein, P., Boman M et al. (2011). Creativity and mental disorder: family study of 300,000 people with severe mental disorder. Br J Psychiatry, 199: 373-379. https://doi.org/10.1192/bjp.bp.110.085316

[*12] Karlsson, J.L. (2010). Mental abilities of male relatives of psychotic patients. Acta Psychiatr Scand, 104: 466-468. https://doi.org/10.1034/j.1600-0447.2001.00515.x

[*13] Kyaga, S., Lichtenstein, P., Boman, M. et al. (2015). Bipolar disorder and leadership – a total population study. Acta Psychiatr Scand, 131: 111-119. https://doi.org/10.1111/acps.12304

[*14] Kyaga, S., Landén, M., Boman, M. et al. (2013). Mental illness, suicide and creativity: 40-year prospective total population study. J Psychiatr Res, 47: 83-90. https://doi.org/10.1016/j.jpsychires.2012.09.010

[*15] Cropley, D. & Cropley, A. (2019). Kreativität und Kriminalität: Die Überschneidungen. In: Die Schattenseite der Kreativität. Springer, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-22795-1_7

[*16] Jagusch, B. (2013). Schreiben als Copingstrategie bei psychischen Belastungen im Beruf und Arbeitsleben. Ein Konzept für die gewerkschaftliche Bildungsarbeit. In: Heimes, S. et al., Praxisfelder des kreativen und therapeutischen Schreibens. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen. ISBN: 978-3-647-99528-1

 

Energizing!


Kommentar schreiben

Kommentare: 5
  • #1

    Black_Star (Sonntag, 18 Juli 2021 14:43)

    Sehr toll recherchiert!!

  • #2

    Kami (Mittwoch, 11 August 2021 23:23)

    Mein Bruder ist auch bipolar. Er malt gerne, genau wie ich. Ich würde aber sagen, dass ich diejenige von uns bin, für verrückt ist, obwohl er eine diagnostizierte Erkrankung hat xD

  • #3

    Frau.Pony (Dienstag, 17 August 2021 14:57)

    Merci für den tollen Beitrag, freue mich schon auf den nächsten:)

  • #4

    Rubberdoll616 (Samstag, 21 August 2021 01:02)

    Ja, die Szene ist tiefgründiger und komplexer, als man denkt!

  • #5

    Lululavee (Samstag, 25 September 2021 21:47)

    Danke für diesen schönen Beitrag. Er spricht mir bei vielen Sachen aus der Seele… schreiben ist und war für mich immer wie ein Anker. Ein schlechter Tag, aber wenn ich nach Hause komme weiß ich, was ich machen werde… lesen hilft auch… es tut gut produktiv zu sein. Schreiben ist sie beste Medizin für mich!!